Lieber Herr Luhm, liebe Frau Köhler,

ich habe von Ihnen Post erhalten. Eine vierfach gefaltete Karte, zehn Gramm schwer. Auf dem Titel eine gepixelte Tanne in Mausform, daneben der Slogan Tanne statt Tonne: Sie möchten mich zukünftig per E-Mail erreichen und dadurch Papier sparen. Für mein Ja wollen Sie mit Hilfe eines Partners Bergwaldprojekt einen Baum pflanzen und mir zusätzlich 250 Prämienpunkte schenken, die ich wiederum für einen zweiten Baum spenden könnte. Eine gute Tat fürs neue Jahr, so schreiben Sie. Im Prinzip schon, aber über den Unsinn, Leute auf dem Postweg anzuschreiben, um diesen zukünftig einzusparen, haben schon andere geschrieben. Daher möchte ich Ihnen lieber den Weg zu einer noch besseren Tat zeigen: Löschen Sie mich ganz aus Ihrem Verteiler, dann sparen Sie Papier und Strom und ich Zeit und Energie  und wir haben beide etwas davon. Streichen Sie am besten alle aus Ihrem Verteiler, die jetzt nicht geantwortet haben. Denn wer diesen kleinen Schritt, die Welt zu verbessern, wie Sie schreiben, nicht geht, der will nicht, der hat schon. Genug von einer Kundenkommunikation, die irgendwie auch Kundenverdummung ist: Ich kann ja gar nichts anderes als Ja sagen, das Häkchen ist schon vorgedruckt. Will ich dagegen keine Post mehr von Ihnen haben, soll ich Ihnen Post schicken. So steht es immerhin im Kleingedruckten. Aber was wird dann aus den Bäumen?tanne_im_gleis

Übrigens hat mich Ihre Post zu einem Zeitpunkt erreicht, als echte, wenn auch ziemlich leer geschmückte Tannen durch die Straßen fegten und ganze Bäume die Deutsche Bahn lahm legten. Ich will mich nicht darüber aufregen. Niemand sollte es tun, das ist höhere Gewalt. Aber unterrichten Sie die Menschen, deutlich und klar, wenn so etwas passiert und lassen nicht einfach Züge von den Bildschirmen verschwinden, wie ich es am Freitag auf Twitter lesen konnte. Das wäre eine erfolgreiche Kundenkommunikation.

Herzliche Grüße,

Ihre Deike Uhtenwoldt

geschrieben von Deike, unter Marketing. Am: 12 Januar, 2015 | Artikel kommentieren »

indexEs liegt bestimmt an der „Vor“-Silbe. So wie ein Vorhaben noch kein Guthaben schafft, bleibt vom guten Vorsatz häufig nicht mal ein ganzer Satz übrig: Ich hatte mir zwar für 2015 vorgenommen, jeden Morgen zu laufen, aber… Deshalb sollten wir uns für das neue Jahr weniger vornehmen, aber mehr tun. An und bei uns selbst, denn das geht bekanntlich immer besser, als andere zu ändern. Eine Sache liegt mir da am Herzen: gesundes „Selbst“-Bewusstsein – und dazu gehört auch, die eigene Meinung und Sichtweise in Frage zu stellen, sich in den anderen hineinzuversetzen und nicht gleich zu diffamieren. Wenn ich mir so manche Leserkommentare anschaue, etwa zur Frage der Unabhängigkeit der Presse, wird mir angst und bange: Es ist ja vorhersehbar, dass ein Kommentator mit dem Fake-Namen “Schrottpresse“ gegen eine gleich- und fremdgeschaltete Presse wettert, aber das tun eben auch Leute wie Klaus Hillebrand, wobei niemand weiß, ob es der Arzt aus Herten, der Steuerberater aus Bochum oder eben doch nur ein Tarnname ist. Dass das Internet zur Radikalisierung der Ansichten einlädt, betont selbst Klug-Beißer Sascha Lobo. Und sieht doch die Schuld bei den Medien selbst: Sie hätten Kommentar-Friedhöfe eingerichtet und nie den echten Dialog mit den Lesern gewollt. Wie aber will man argumentieren gegen Hetze und die Überzeugung „Wer meine Meinung nicht teilt, der lügt“? Meine Leitsätze für 2015 lauten daher:

Glaub nicht alles, was du liest.

Ja, eine gewisse kritische Distanz gegen der Berichterstattung in Medien ist sicher angesagt – ebenso wie gegenüber dem Gerede von einer Medienverschwörung.

Glaub nicht alles, was du siehst.

Wie Bürger mit Werbung Meinung machen, hat der Zeit-Redakteur Frank Drieschner in der ersten Ausgabe des Jahres eindrucksvoll belegt: Da behängt eine Bürgerinitiatve Bäume mit Trauerflor, obwohl nur ein einziger Baum für die Busbeschleunigung gefällt werden soll. Oder verteilt das Bild eines geschlossenen Ladens: „Dank Busbeschleunigung in den Ruin getrieben“ – dabei hatte das Geschäft schon lange vor der ersten Baumaßnahme geschlossen.

Glaub nicht alles, was du denkst.

Gedanken und Gefühle sind keine Fakten, sie sind veränderbar. Wie das geht, kann man in der aktuellen Abendblatt-Ausgabe nachlesen. Man kann sich aber auch selbst hinterfragen: Bin ich ein besserer Mensch, wenn ich Bilder von mir ins Netz stelle und die Hälfte meiner Freunde dies gut findet. Selbstbewusstsein ist weit entfernt von jeder Selfie-Obsession.

 

geschrieben von Deike, unter Allgemeines, Journalismus. Am: 2 Januar, 2015 | Artikel kommentieren »

Während die Fans auf Tore hoffen, verkauft mein Sohn bei St. Pauli Würstchen oder zapft Bier. Dafür photobraucht er ein Gesundheitszeugnis, genauer eine Bescheinigung nach § 43 Absatz 1 Nummer 1 Infektionsschutzgesetz. Schon klar, schließlich gehen Würstchen, Senf und Biergläser durch seine Hände, da sollte er sich mit Krankheitserregern und ihrer Übertragung schon einmal beschäftigt haben. Hat er auch, aber das reicht dem Arbeitgeber nicht, ein Schein muss her. Also besucht er eine Belehrung im Trainingszentrum für Erste Hilfe und Notfallmedizin, kurz TEN, am Hauptbahnhof. Sie findet genau in dem Zeitraum statt, oh welche Fügung, als dort der Erste Hilfe-Kurs Pause hat. Die leitende Notfallärztin möchte auch Pause machen, daher legt sie auch nur schnell einen 20minütigen Film ein, der keine weitere Botschaft hat als diese:

Vor dem Rumreichen von Essen, Händewaschen nicht vergessen!

Klar, dass weder mein Sohn noch ein weiterer Anwärter auf das Gesundheitszeugnis dazu irgendwelche Fragen haben. Und somit kann die Notfallärztin, die pünktlich zum Filmende wieder auftaucht, zum eigentlichen Kern der Veranstaltung kommen: Bescheinigung ausstellen und dafür 25 Euro abkassieren!

Noch Fragen? Ich frage mich, warum es mir nicht gelingt, auch so geniale Geschäftsmodelle zu entwickeln.  Aber wer würde schon kommen, um sich ein noch so mitreißendes Video etwa zum Thema “Wie schreibe ich eine packende Pressemeldung” anzusehen. Kommen und dann auch noch zahlen? Unmöglich, kein Investor würde Geld in diese Vision stecken, selbst wenn wir ihr noch eine knackige 10697279_762699843800228_7948152730580696883_oStory verpassten. Aber wenn ich das Interview mit Zukunftsforscher Jeremy Rifkin in der Zeit Nr. 50 (ja, das ist schon die letzte Ausgabe, für Die Zeit brauche ich immer mehr Zeit als eine Woche) richtig lese, dann sind wir längst auf dem Weg in die Wirtschaft des Teilens und meine Frage ist falsch gestellt. Dann dürfte die massenhafte Lohn- und Gehaltsarbeit und vermutlich auch die Freiberuflichkeit, sofern sie  Honoraranforderungen verschickt in ein paar Jahrzehnten ein jähes Ende finden,weil zukünftig auch Jobs automatisiert werden, die professionelle Fähigkeiten verlangen. Wie die von Anwälten, Buchhaltern oder Radiologen. Deren Arbeit macht dann der Algorithmus. Das soll ja auch schon für Nachrichtentexte funktionieren. Kleiner Trost: Der Roboterjournalist kann noch keine vernünftigen Interviews wie die mit Rifkin führen und wohl kaum auf dieser Seite bloggen. Immerhin: Der Rifkin-Artikel ist auch gar nicht kostenlos zu bekommen – dieser Blogeintrag dagegen schon. Die Sharing Economy ist noch nicht überall angekommen und wie man da abkassiert, noch nicht bei mir.

Nachtrag: Auch der von Rifkin beschriebene Trend Fit lift (nein, keine Fitness-App, sondern die Praxis der Generation Y sich im Einzelhandel zu informieren und im Internet zu kaufen) braucht offenbar noch Zeit, auf jeden Fall die Nachweihnachtszeit. Im Sportfachgeschäft eines großen Einkaufszentrums war ich am Wochenende die Zehnte, die sich brav zum Bezahlen einreihte, vor mir ein Jugendlicher (okay, zugegeben mit seinen Eltern)und hinter mir einer um die 20!

 

geschrieben von Deike, unter Gründer, Journalismus. Am: 15 Dezember, 2014 | Artikel kommentieren »

Schon wieder Post in der Mail-Box. Ein Eintrag zu einer Veranstaltung, die schon vergangen ist mit einem Link zu einem Kurzfilm, der nicht viel länger als eine Minute dauert. “Nur heute online, gerne teilen”, steht noch im Betreff, immerhin in Klammern. Und wieder ist meine Aufmerksamkeit kurz woanders und ich entscheide,dass ich mir das nicht anschauen will, auch wenn es kurz ist, ja, gerade weil es so schön kurz ist und nur dazu da ist, um mich abzulenken. den ganzen Artikel lesen »

geschrieben von Deike, unter Allgemeines, Journalismus. Am: 25 November, 2014 | Artikel kommentieren »

Manchmal habe ich ein regelrechtes Blogout: Wenn ich die Blogs weltwärts reisender Jugendlichen lese beispielsweise, wie diese in Israel Gemüse ernten, in Südafrika Schulkinder betreuen und in Chicago shoppen gehen. Sicher, so ein Freiwilliges Soziales Jahr ist toll, aber es langweilt mich doch ziemlich schnell, davon zu lesen. Und dann fasse ich mich an die eigene Nase und frage, und was gibst du der Welt mit deinem Blog mit auf den Weg und ahne ziemlich schnell, ich sollte auch lieber schweigen. den ganzen Artikel lesen »

geschrieben von Deike, unter Allgemeines, Bildung. Am: 14 November, 2014 | Artikel kommentieren »

Fragt der Schriftsteller den Studenten, was dieser denn studiere. „Wirtschaftsethik!“, antwortet der Gefragte voller Stolz. „Da werden Sie sich schon entscheiden müssen“, kontert der Schriftsteller, der übrigens Karl Kraus hieß und ein begnadeter Satiriker war. Was aus dem Studierenden wurde, ist nicht überliefert. den ganzen Artikel lesen »

geschrieben von Deike, unter Allgemeines, Journalismus. Am: 21 Oktober, 2014 | Artikel kommentieren »

Wenn Herz und Hirn nicht richtig zusammenarbeiten, kommt am Ende meist Murks dabei raus. Ein Beispiel: Mich erreicht ein Kundenmailing der Deutschen Bahn. Weil ich vor JahreP1070512n mal eine Bahncard besaß, bin ich nun im Verteiler drin. Da kann man nichts machen. Warum ich dennoch die Post öffne, ein Gewinnspiel finde, tatsächlich mitrubbele und eine Bahncard für 5 Euro gewinne, ich kann es nicht genau sagen. Hat sicher irgendwas mit Neugierde, Spieltrieb und Unterbewusstsein zu tun. Eine Bahncard für 5 Euro ist ja nun aber auch tatsächlich fast geschenkt, sage ich mir – und schon bin in die Marketingfalle getappt. Denn 5 Euro sind immer noch zu viel, wenn man gar nicht mit der Deutschen Bahn fährt. Das heißt, fahren könnte ich nächste Woche schon, nur fährt die Bahn halt nicht – die Zeiten und Zeichen stehen auf Streik. den ganzen Artikel lesen »

geschrieben von Deike, unter Allgemeines, Marketing. Am: 2 Oktober, 2014 | Artikel kommentieren »

Schön gemacht hatten sie sich ja schon, da konnten sie ruhig auch schön posieren. Die SchülerInnen des Gymnasiums Oberalster (GOA) fühlten sich geehrt, als ein Team von “Spiegel Online” ihren Abiball im luxurieusen Atlantik-Hotel besuchte, Fotos machte und Interviews führte. Und hinterher war dann doch die eine oder andere enttäuscht, dass sie nicht ganz so gut wegkam in dem Artikel. Tenor: Wer ist die Schönste im Abiland?  Oder auch: 1000 Euro für ein Outfit – darf es noch ein wenig mehr sein?images den ganzen Artikel lesen »

geschrieben von Deike, unter Allgemeines, Journalismus. Am: 16 September, 2014 | Artikel kommentieren »

15  Aug
Krise zieht Kreise

Das Erste was der jungen Frau aus Colombo nach Landung in Hamburg-Fuhlsbüttel auffiel, war das Riesenangebot an Druckerzeugnissen, Magazinen und Zeitungen am Kiosk. “In Sri Lanka gab es nur ein zwei regierungstreue Blätter, kaum jemand hat sie gelesen”, sagt sie. den ganzen Artikel lesen »

geschrieben von Deike, unter Journalismus. Am: 15 August, 2014 | Artikel kommentieren »

indexFrüher gab es ja im Fernsehen noch die nächtliche Sendepause. Und noch früher sogar eine am Nachmittag zwischen 13 und 16.00 Uhr. Da wurde die ganze Woche eine Programmvorschau gesendet. Das Tolle war, die Leute haben das angeschaut. Sie haben auch im Urlaub noch richtig abgeschaltet. den ganzen Artikel lesen »

geschrieben von Deike, unter Allgemeines. Am: 25 Juli, 2014 | Artikel kommentieren »

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